Maximalforderungen

Ein offener Brief an die Eberhard-Zastrau-Crew. Auf Anregung der Crew hier auch als leichter nachlesbarer und verlinkbarer Blogbeitrag.


Ihr Lieben,

mehrfach wurde ich inzwischen gefragt, ob ich in der Eberhard Zastrau Crew mitarbeiten möchte. Ich freue mich über diese Einladung, über diese Einladungen. Und wenn ich die Menschen sehe, die da in der Liste stehen, dann möchte ich laut »ja, ja!« rufen, denn die vielen von Euch, die ich kenne, haben das Herz auf dem richtigen Fleck und die wenigen, die ich nicht kenne, naja: Von denen glauben die, die ich kenne, dass sie das Herz auf dem richtigen Fleck haben. Delegation – ich schmunzle bei diesem Gedanken. Dann allerdings lese ich Euren Kodex und bleibe kopfkratzend zurück

Ihr wollt – so schreibt ihr – »moderne Programminhalten für die Sozialpolitik und die bessere demokratische Teilhabe gestalten und entwickeln.« Super. Natürlich müssen wir uns dem Problem stellen, dass die Arbeitswelt in wengen Jahren ganz anders aussehen wird, als noch vor wenigen Jahren – qualitativ anders, denn sie wird sich nicht weiter langsam veränderen, sondern es wird Sprünge geben, der eine »soziale Marktwirtschaft« nicht gewachen sein wird. Sprünge, die sie nicht nur kapazitiv überfordern wird, sondern denen sie auch strukturell nicht gewachsen ist. Und selbstverständlich möchte ich die Chancen des Digitalen Wandels nutzen, um die demokratische Teilhabe zu verbessern – und, was mir noch wichtiger erscheint, die politische Bildung. Bin ich nicht genau deswegen in die Piratenpartei eingetreten. Und hat sie mich da nicht auf so vielen Ebenen gleichzeitig enttäuscht, dass es einen eigenen Blogpost bräuchte, um sie nur aufzulisten? Na klar will ich das alles. Aber warum ist das Prio 1?

Denn der Digitale Wandel hat noch viel mehr Folgen. Manche sprechen von Postmaterialismus, sehen den Umgang mit Wissen (aka Urheberrecht) in die physische Welt überschwappen, wenn wir irgendwann Gebrauchsgegenstände einfach ausdrucken, wenn wir sie brauchen. Uber hat grad die Regierung so aufgestört, dass sie bei deutschen Großunternehmen anklopft und irgendwas von Internet of Things redet. Das müssen wir gestalten, das ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Aber machen sich unterdessen nicht gerade ganz Andere die Digitalisierung der Gesellschaft zunutze? Unternehmen und Geheimdienste sammeln alle Daten von uns, derer sie habhaft werden können – und machen dabei vor der Zusammenarbeit mit Kriminellen nicht halt. Das Ziel ist die gläserne Gesellschaft, der gläserne Bürger: Duckmäuser, die in vorauseilendem Gehorsam wie gewünscht funktionieren. Abweichungen von der Norm werden von Maschinen bemerkt und sind Anlass zum Verdacht. Da hilft dann auch Sozialpolitik nicht mehr – dann ist es im besten Fall der goldene Käfig.

Ich könnte jetzt Bildung, Gesundheit, Verkehr und bis zum Rundfunkstaatsvertrag noch viele andere Themen aufzählen. Das hängt alles zusammen und das muss gemeinsam angeschaut werden. Vor allem müssen wir Konzepte entwickeln, wie die Piraten diese Zusammenhänge den Menschen klarmachen können. Und darauf aufbauend brauchen wir ein Programm, das nicht mehr zusammengestückelt daher kommt, sondern klar aus dem Wunsch nach Gestaltung des Digitalen Wandels unsere Positionen ableitet.

Das gilt für vieles, aber nicht für unsere Drogen-, Queer- und Familienpolitik – denn was da zur Zeit passiert, ist auch ohne den Digitalen Wandel in unserer Gesellschaft schon eine Katastrophe. Aber weil der Digitale Wandel eben auch mit dem Sozialraum Internet zusammenhängt, und die Menschen immer mehr mit, in und von diesem Netz sozialisiert werden, ist es auch klar, wie die Piraten zu diesen Themen stehen.

Ich hab, glaub ich, schon mal geschrieben: In the internet, no one knows that you are a dog. Kann ich mich da über jemanden erheben, weil er schwul ist, eine Behinderung hat oder eine andere Hautfarbe oder Nase? Würd ich ihn, oder sie, nicht sehen, dann wüsste ich’s nicht mal. Und so ist auch klar, dass wir laut und deutlich gegen alle faschistischen, totalitären oder anderswie menschenfeindlichen Entwicklungen eintreten müssen. Dennoch: Auch das ist Ergebnis und nicht Selbstwert. Ich definiere mich nicht als »Anti« zu irgendwas, denn wenn ich mich gegenüber von irgendwas aufstelle, gebe ich ihm gleichzeitig Macht über mich. Und ich kann nicht mehr zu denen gehen, die aus Unwissen oder als Verführte irgendwo dazwischen stehen, und um sie werben. Bei den Piraten hat genau dieses dagegen-Stellen, das Abgrenzen um des Ausgrenzens willen, dazu geführt, dass viele gute Menschen – »Piraten« im besten Sinne des Wortes – gegangen sind. Und im Moment erleben wir, wie Stimmen Gehör finden, die ich seit Neumünster überwunden geglaubt habe. Ein Bärendienst, diese Nummer.

Nein, unsere Aufgabe muss es sein, die Menschen auf unsere Seite zu ziehen, auf die Seite unserer hervorragenden und von Respekt und Menschenfreundlichkeit geprägten Positionen. Jedenfalls die Menschen, bei denen das noch Aussicht auf Erfolg hat. Die Gesellschaft verroht – und wir müssen uns dem entgegen stellen. Aber das kann nur klappen, wenn wir auch einen Gegenentwurf haben, wenn wir lernen, ihn zu vermitteln – und wenn wir ihn für uns selbst leben. Den Piraten fehlt das im Moment alles: Sie haben nur ein Sammelsurium von Einzelpukten, aber keine »Story«, kein Narrativ, das sie vermitteln könnten – und sie gehen miteinander um, als wär das Wort »Respekt« noch gar nicht im Wörterbuch. Daher freuen mich Eure Gedanken zum Umgang. Aber sie reichen mir an dieser Stelle noch nicht aus.

Wenn ihr mit meinen Thesen – woran ich nicht wirklich zweifle – leben könnt, dann lasst uns reden.

Alles Liebe,
Euer Dirk


Ich habe dem – immer noch – nicht wirklich viel hinzuzufügen. Nur vielleicht dieses: Seit ich dies niederschrieb, las ich auf Twitter sowohl von »linken« als auch von »sozialliberalen« Piraten und Ex-Piraten weiterhin die üblichen, gegenseitigen – unnötigen – Provokationen. Indessen passiert in der realen Welt z.B. dies und das (Table 4 on p.14) und auch sel und jenes. Merkste selber, oder? Deswegen: Am Wochenende nach Frankfurt und nicht irgendwen auf Twitter anpampen. Danke.

Advertisements

Sag was dazu...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s