Ein Plädoyer für die Vielfalt

Lieber Wilm,

Dein Beitrag in der Flaschenpost fordert meine Widerspruch heraus.

Ich denke nämlich, dass die Piratenpartei von der Vielfalt lebt.

Sie lebt von Piraten, die unser Programm als Plädoyer für die Freiheit des Einzelnen lesen, und von solchen, die in ihm die Sozialen Menschenrechte wiederfinden. Sie lebt von Piraten, die in kommunalen – und hoffentlich bald auch in allen anderen – Parlamenten den mühevollen Weg der parlamentarischen Kompromissfindung gehen und von solchen, die unsere politischen Positionen durch kreative, gerne auch kontroverse Aktionen ins Gespräch bringen. Denn nicht die Vielfalt macht die Piraten kaputt, sondern wie wir damit umgehen, wenn in dieser Vielfalt mal eins über die Stränge schlägt.

Um es mal auf den Punkt zu bringen: Nicht eine Fahne, nicht ein unbekleideter Oberkörper, nicht der Text darauf, keine Dienstabschaltung, kein Ei und keine Erklärung eines Kreisverbandes ist „das Problem“ – sondern wie wir als Gruppe, als Partei, damit umgehen. Und deswegen, Wilm, glaube ich nicht, dass es ein Problem zwischen „Aktivisten“ und „Parteipolitikern“ in der Partei ist, sondern dass der Fork entlang einer anderen Linie sein muss:

Will ich andere von meiner Position überzeugen, oder will ich draufdreschen und sie ausgrenzen.

Der Buvo – da stimme ich mit Dir, Wilm, überein – wird uns dabei nicht wirklich helfen. Schon gar nicht, wenn wir selber jede Provokation, am besten noch von außerhalb der Partei, drölftausendmal retweeten.

Stattdessen müssen wir lernen, uns innerhalb der Partei inhaltlich – das ist das mit den Argumenten – auseinanderzusetzen und rasch zu demokratisch legitimierten Bewertungen zu kommen, die die akzeptierten Grenzen der Vielfalt markieren. Dann, nur dann, kann die Partei als Gruppe sagen: »Das finden wir nicht gut, Du hast Dich damit außerhalb des Konsens gestellt. Noch einmal so ’ne Nummer, und Du musst woanders spielen.«

Aber diese demokratische Entscheidung fällt nicht auf Twitter – und auch nicht im Buvo.

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7 Gedanken zu „Ein Plädoyer für die Vielfalt

  1. Ich bin bei Wilm. Es gibt einfach nicht vereinbare Positionen, die das Fundament, auf dem unsere Partei ruht, betreffen. Wie soll jemand, der sich als Bürgerrechtler versteht, als solcher auch zu den Piraten kam und das Grundgesetz verteidigt mit jemand eine gemeinsame Basis finden, der glaubt, mann müsse die FDGO überwinden, um echte Freiheit zu erlangen?

  2. @Michael K. Es bringt nichts für eine Verständigung, wenn man anderen Dinge unterstellt ohne der Intention des gesagten oder geschriebenen auf den Grund gegangen zu sein und das auch gar nicht vorhat – und noch weniger, wenn man das Missverständnis so oft wiederholt wie möglich. Es bleibt Obskurantismus.

    Insofern hat Dirk den Nagel wirklich auf den Kopf getroffen.

  3. Wie so oft, will ich moonopool zustimmen. Und wie es dann manchmal geschieht, halte ich inne und sehe doch Kritikpunkte.
    Ja, der Umgang mit unseren Konflikten, und unser Umgang miteinander ist ein erhebliches Problem – und Ursache weiterer Probleme.
    Aber ich muß Wilm (und Michael K.) zustimmen, daß es auch ein grundsätzliches Methodenproblem gibt. Ist einem beim Erreichen der Ziele nachrangig, ob man anderen dabei schadet – oder fordert man von sich selbst das gleiche konstruktive Verhalten, das man von anderen erwartet?

    Natürlich existiert die Piratenpartei, um reale Politik und Realpolitik zu machen! Wenn wir nur Ideen, Visionen und Entwürfe verbreiten wollten, bräuchten wir nicht den Aufwand, den „Overhead“ einer Partei dafür.
    Die Piraten sind angetreten, um für reale Mißstände reale Abhilfe zu schaffen.

    Aktivismus ist sehr gut ohne Partei möglich. Viele NGOs machen vor, wie das geht – Aktivismus organisieren, finanzieren und dafür effektive Öffentlichkeitsarbeit machen. Wenn überhaupt eine formale Organisationsform dafür nötig ist, dann ein Verein.

    Für Parteipolitik braucht man hingegen zwingend eine Partei. Und dieses geduldige, ausdauernde Arbeiten, für das man nur wenig Aufmerksamkeit bekommt, aber mit dem man doch ganz real etwas erreichen kann, das praktizieren viele Piraten schon seit Jahren. Allmählich trägt es Früchte. Ich finde es unfair, ihnen das für kurzfristige Medienaufmerksamkeit zu beschädigen.

    Natürlich benötigt auch eine Partei Aufmerksamkeit, für sich und noch weit mehr für ihre Anliegen. Aber der Ton und die Mittel müssen dabei andere sein als für Aktivismus, damit man die realpolitische Arbeit nicht beschädigt.

    Aktivismus und Parteiarbeit haben beide ihre Berechtigung und ihren Nutzen. Wenn es aber auf ein Nullsummenspiel hinausläuft, wenn die eine Seite ihre Erfolge auf Kosten der anderen Seite erzielt – dann sollte man das aufteilen. Lieber in zwei Gruppen positive Wirkung erzielen als in einer kontrovers auf Null zu.

    So sehe ich das. Wenn ihr mich von einer anderen Sicht überzeugen wollt, dann gerne mit Argumenten.

  4. @quuux
    „Natürlich existiert die Piratenpartei, um reale Politik und Realpolitik zu machen! Wenn wir nur Ideen, Visionen und Entwürfe verbreiten wollten, bräuchten wir nicht den Aufwand, den “Overhead” einer Partei dafür.
    Die Piraten sind angetreten, um für reale Mißstände reale Abhilfe zu schaffen.“

    Damit würdigst du ob bewusst oder unbewusst die politischen Positionen, die dir offenbar nicht gefallen, herab. Nebenbei bemerkt, woher könnte eine zukunftsträchtige Politik sonst stammen als von „Ideen, Visionen und Entwürfe(n)“? Ich sage es mal polemisch, dass eine Partei, insbesondere eine die um ihre Relevanz ringt durch Ausgrenzung der genannten Dinge sich auch gleich auflösen kann…

    „Aktivismus ist sehr gut ohne Partei möglich. Viele NGOs machen vor, wie das geht – Aktivismus organisieren, finanzieren und dafür effektive Öffentlichkeitsarbeit machen. Wenn überhaupt eine formale Organisationsform dafür nötig ist, dann ein Verein.“

    Möglich schon, aber weitestgehend wirkungslos, weil der Einfluss von NGOs ganz offensichtlich extrem begrenzt ist und das insbesondere im Hinblick auf grundsätzliche Probleme. Die sind wenn man optimistisch ist, nur über Politik lösbar. Aber eben nicht nur. Und nichts spricht dagegen beides zu tun, sofern man in einer Partei angehört die dann nicht hohldreht, wenn die Meinung gewisser Piraten und die anderer Piraten auseinandergehen. Nicht wenige Piraten sind zum Beispiel *auch* im CCC aktiv. Ich will mal anbringen, dass ein grundsätzliches Problem unserer Politik die Distanz zu den Menschen außerhalb der Parteien und Parlamenten ist, auf sozialer Ebene. Da könnte man sagen, dass man einen aktiven Kontakt pflegen könnte. Aber ich glaube, dass das bei weitem nicht ausreicht und der Vorteil der Piraten durchaus nicht nur behauptete Offenheit sondern auch gerade die Ambivalenz der Piraten zwischen Politik und Aktivismus darstellt.
    pika

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