Piraten – Unfähigkeit zu Diskussion und Kompromissen

Ein Gastbeitrag von der @traumrennerin

Zur Zeit eskalieren sehr lange schwelende Konflikte bei den Piraten. Um diese zu lösen sind einige Grundsatzdebatten und Begriffsdefinitionen notwendig. Das wird so schon schwierig genug – mit unserem Kommunikatiosverhalten und Strukturen ist es kaum möglich.

Wir haben keine Möglichkeit für tiefgehende Diskussionen mit vielen Teilnehmenden. Wir debattieren auf Twitter und Mailinglisten. Auf Twitter!! Das dafür wohl ungeeignetste Medium überhaupt!

Die Twitternutzung prägt unser Kommunikationsverhalten. Wir überspitzen alles, denn nur die krassesten Aussagen bekommen die Währung des Internets: Aufmerksamkeit. Es ist nicht möglich, die Eskalierenden und Trolle zu filtern, weil alles durcheinander geht. Wir beschimpfen uns so schnell als Nazis™ und Linksfaschisten™, dass die Bedeutung dieser Worte fast vergessen ist.

Wir leben in einer Welt ohne Kompromisse. Es gibt Dinge, da gibt es keine Kompromisse. Aber bei vielen anderen Sachverhalte sind sie notwendig. Ich erwarte z.B., dass wir übergriffige Sprache, Beleidigungen und Drohungen immer verurteilen und Betroffenen den Rücken stärken.

Aber warum können wir nicht sagen: Diese Aktion war dumm/unüberlegt/nicht mit meiner Meinung vereinbar. Bitte entschuldige dich/erkläre dich/mach das nicht nochmal so?

Stattdessen schmeißen wir mit Begriffen wie „freiheitlich-demokratische Grundordnung“, „Rechtsstaat“ und „linksliberal“ um uns, ohne zu erklären, was das eigentlich bedeutet. (Sich Sprüche auf den Körper zu schreiben, verstößt übrigens nicht gegen die FDGO, wie kritisch diese auch rezipiert werden. Die Unschuldsvermutung aufzuheben schon.) Wir differenzieren nicht. Wir informieren uns nicht. Wir wollen gar nicht mit Betroffenen reden. Wir wollen nur bashen. Es ist uns zu anstrengend, Aussagen und Provokationen politisch und situationsgerecht einzuordnen und uns dann eine differenzierte Meinung zu bilden.

Die meisten von euch kennen Dresdner Piraten. Mal versucht, mit denen zu telefonieren und sich die ganz speziellen Probleme der Dresdner Gedenkkultur erklären zu lassen? Eben!

Wir haben keine Möglichkeit, auszudifferenzieren, wofür wir eigentlich stehen. Meistens sind die Positionen gar nicht so weit auseinander, aber wir wissen häufig nicht mal, wo genau der Unterschied liegt! Wir haben mehr gemeinsam, als uns trennt – die wirklichen Probleme vergessen wir über unsere Gates. Auf Parteitagen haben wir uns auf viele Seiten geniales Programm geeinigt – das voll von Kompromissen ist. Warum schaffen wir das nicht dazwischen?

Was uns fehlt, ist eine sinnvolle Möglichkeit, um im Internet zu diskutieren. Damit wir Twitter ausmachen können. Eine Plattform, die gute, sachliche, fundierte Argumente fördert und Beschimpfungen, Unterstellungen und Unsachlichkeit marginalisiert. Eine Plattform, die kritische Auseinandersetzung fördert. Die Kompromisse fördert, in dem sie verschiedene Vorschläge nebeneinander stellt. In der Punkte einzeln diskutiert werden und wir so zu einem Ergebnis finden können.

Dass das geht, hat der letzte Landesparteitag in Baden-Württemberg bewiesen. Dort wurde ein SMV-Antrag so sachlich und differenziert debattiert, dass euch die Kinnladen runter fallen. Er war in verschiedenen Module gegliedert, die zu kritischen Punkten verschiedene Alternativen boten. Ihr wisst, dass Baden-Württemberg der SMV nicht immer am aufgeschlossensten gegenüberstand. Aber es wurden einige Module angenommen. Wir haben bald eine SMV, die Programm beschließen kann und in der Stimmrechtsübertragungen bei einzelnen Abstimmungen möglich sind. Eine Kompromisslösung, mit der wir sehr viele mitnehmen!

Politik braucht Kompromisse! Und wir brauchen eine Möglichkeit der Debatte und der Willensbildung im Internet. Und wir brauchen sie so schnell wie möglich, damit wir unser Wissen und unsere Energie produktiv einsetzen. Denn Debatten sind nur mit Struktur produktiv. Das, zusammen mit einer SMV, kann imho schon ein paar Probleme lösen. Technische Strukturen lösen natürlich keine sozialen Probleme. Aber es kann den Lernprozess als auch soziales Konstrukt unterstützen. Das mit dem »Menschen machen Fehler« → »konstruktiv kritisieren« → »Fehler zugeben und entschuldigen« → »Fehler wirklich vergeben« → »weiterarbeiten« müssen wir dann wohl auch noch lernen. Vielleicht finden wir dann auch wieder den emotionalen Zusammenhalt, der uns fehlt, um bei allen Differenzen gemeinsam Politik zu machen.

Wir müssen es nur wollen. Wollt ihr es? Oder macht euch das Aufeinander-Rumhacken und Feindbilder-Aufbauen gerade zu viel Spaß? Ich mach lieber weiter Politik.

P.S.: Mit »Findeco« gibt es da schon ein Projekt. Was mir da noch fehlt, ist die Möglichkeit, Initiativen und Argumente zu bewerten. Aber die Plattform betreiben bestimmt mal wieder »die Falschen«™.

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8 Gedanken zu „Piraten – Unfähigkeit zu Diskussion und Kompromissen

  1. Sehr schöne Analyse, die aber leider alle über einen Kamm schert. z.B. „Wir differenzieren nicht.“ Viele differenzieren schon, Du z.B. in diesem Beitrag auch.

  2. Ich sage sehr oft: Wir machen das leider so – wir machen da Fehler – wohl wissend, dass es die Ausnahmen gibt, mal mehr, mal weniger. Aber stell dir vor, ich würde „Ihr“ sagen, denn ich bin es ja nicht! Stell dir vor, ich würde immer „einige von uns“ sagen!
    Alle wären überzeugt, sie seien nicht gemeint – es sind immer die anderen!
    Es ist also fast egal, wie du es formulierst! Du trittst einigen, vielen oder allen auf die Füße!
    Das ist schon bezeichnend.
    Mit ein Grund für das „Wir“: Ich will mich nicht ausschließen, ich will nicht die vorne an der Tafel sein!
    Wie empfindlich sind wir, wenn es um uns selbst geht, wie empfindsam, wenn es um andere geht?
    Wie groß ist unser Selbstbewusstsein – unser Selbstwertgefühl, wenn wir beim leisesten Verdacht, jemand wolle uns an die Wäsche, diesen Beiß-Reflex haben?
    Das andere Problem sehe ich in der Definitionshoheit, die beansprucht fast jeder: Nur ich weiß genau, was hinter diesem Begriff steckt und etwas anderes will ich gar nicht wissen.
    Es fehlt an politischer Bildung.
    Es fehlt an Selbstdisziplin.
    Es fehlt an Empathie.
    Und wir sind keine Therapeuten, wir wollen doch gemeinsam etwas erreichen! Mehr oder weniger erwachsene Menschen!
    Aber wie soll das möglich sein? Wenn wir alles, was wir wollen, selbst nicht leben?
    Wir leben nicht in einer Parallelwelt, wir sind auch kein Summerhill – Projekt!
    Wir sind Menschen mit Fehlern, mit Fähigkeiten, aber ohne Toleranz, ohne Achtung vor einander – mit vielen Ausnahmen!
    Wenn wir wollen, dass sich grundlegend und schnell eine Veränderung einstellt, müssen wir klare und – von mir aus – strenge Regeln für Mailing-Listen und Mumble haben.
    Auf Twitter haben wir so gut wie keinen Einfluss, aber auch da kann, wer es sieht, freundlich sofort zurecht weisen.
    Ich _will_ dass es schnell besser wird, wir haben kaum noch Zeit!
    Was immer ich tun kann, bin ich bereit zu tun. Aber bitte keine Listen mehr, keine gut gemeinten Statements oder Absichtserklärungen.
    Und außerdem brauchen wir auch noch den Freiraum, in Ruhe und Frieden im Team weiter arbeiten zu können.

  3. Ausgewogene Beschreibung, danke dafür! Menschen in einer Demokratie, die einen Vertreter in ein Parlament wählen haben meist recht hohe Ansprüche an diesen. Dieser soll in der Lage sein auch abseits von Ideologie objektive und sachliche, sowie am Menschen orientierte Politik zu betreiben. Dazu gehören einige von dir beschriebene Eigenschaften, wie kompromissbereitschaft und auch die Bereitschaft über seinen Horizont hinaus (Bubble) Dinge zu erfassen.
    Es gehört zu den psychologischen Binsenweisheiten, daß ein Mensch der mit Schimpfworten oder negativen Beschreibungen bedacht wird automatisch in einen „Verteidigungs- bzw. Defensivmodus“ geht, ab diesem Moment ist es schwierig die Situation wieder aufzulösen. Damit das nicht passiert braucht es Empathie, die Fähigkeit sich in die Gefühls- und Gedankenwelt des Gegenüber zu versetzen, so steht es in den „klassischen“ Lehrbüchern. Die Internetkommunikation hat hier aber einen Haken: Für Empathie muss man den Menschen in seiner Gesamtheit erfassen können (audiovisuell), die Stimme oder Text reicht da nicht, Missverständnisse sind da vorürogrammiert, eigentlich müsste das einem intuitiv klar sein, aber es ist ja so schön bequem sich hinter einem Nick verstecken zu können und keine Verantwortung für sein Tun übernehmen zu müssen, aber genau das ist (nicht nur) in der Politik essentiell! Wer nicht willens oder fähig ist Verantwortung zu übernehmen hat meiner Meinung nach in der Politik nichts verloren.
    Neue Parteien haben immer das Problem, dass diese von Gruppierungen geentert werden, die mit dem Grundsatzprogramm der Partei nichts am Hut haben und lediglich eine Bühne suchen, hier ist es an uns Strukturen zu schaffen, die sowas auf ein Minimum reduzieren, eigentlich hätte dies schon vor Jahren stattfinden müssen. Die Idee der Mitmachpartei war gut und hat auch Menschen mobilisiert, die bislang mit Politik wenig am Hut hatten, insofern haben wir unsere Mission erfüllt. Für eine „Apo-Partei“ erhalten wir ungewöhnlich viel mediale Aufmerksamkeit, darauf lässt sich aufbauen und das sollten auch manche bedenken, bevor sie mal wieder die Medien für unsere Probleme verantwortlich machen wollen.
    Vorschläge:
    1) Man könnte z.b. die Mailinglisten so gestalten, daß nur noch aktive (zahlende) Mitglieder da mitmachen können, ich denke es dürfte sich technisch umsetzen lassen.
    2) Politische AGs aus dem Mumble nehmen und in separate Webseiten einbinden, wenn möglich mit integriertem VoiP-Client. In diesen könnte man ein Sitzungsfazit beschreiben, welches BuVo/LaVo einsehen können, so sind sie immer auf dem aktuellen Stand der politischen Willensbildung. Auch hier haben nur aktive Mitglieder Schreib- und Zugangsrechte.

    Das Mumble kann man als Diskussionsplattform erhalten und auch weiterhin die Möglichkeit anbieten, Interessierte bei Buvositzungen zuhören zu lassen, das Mumble wird ohnehin nur für fruchtlose Diskussionen benutzt, wirklich konkretes kommt ohnehin kaum bei rum.

    Auch habe ich mir auch überlegt, ob nicht ein Televoting (Telefon) möglich wäre, zumindest technisch wäre es kein Problem, da viele ja ein Smartphone haben und sich damit BPT-Streams ansehen können, wäre es ja eine tolle Sache, wenn diese das Gerät auch gleich zum voten verwenden könnten.

    Und ein letzter Punkt, der mir wichtig ist, aber bei dem ich mich womöglich verbrenne: Wir haben in unserem Grundatzprogramm klar definiert welche politischen Ziele wir verfolgen und uns auch klar zum GG der BRD bekannt. Mitglieder die durch Handlungen auffallen, welche eindeutig dieser Charta entgegensteht, sollte nochmal klar gemacht werden wofür die Piraten stehen und wenn das Mitglied das nicht mittragen kann (oder will) sich eine neue politische Heimat suchen soll. Das PAV wäre dann das allerletzte Mittel, aber ganz ehrlich, in der gegenwärtigen Situation wäre es vllt. nicht schlecht, wenn dieses bei einigen durchgeführt wird, schon um klare Ansagen zu machen.

  4. Alles richtig und auch nicht. Ich kann an der Stelle nicht für andere sprechen/schreiben, will das auch nicht. Meine Erfahrungen mit Kompromissen kennst Du, man kann schlicht nicht über zwei Jahrzehnte meine Arbeit machen ohne Kompromisse einzugehen. Allerdings gibt es für mich Grenzen. Zwei davon will ich beschreiben:
    1.) Wenn es ums Leben geht, also auch ums Sterben, um Organtransplantation, Hirntod, Appallisches Syndrom, Koma, Sterbehilfe oder Töten auf Verlangen. Das sind für mich Themen, bei denen meine Kompromissbereitschaft gering ist. Das heißt nicht, dass ich gleich austrete wenn jemand eine andere Meinung hat. Aber das heißt sehr wohl, dass es mit mir dann ziemlich unangenehme Auseinandersetzungen geben kann (und wird). Und in der Wahl meiner Mittel gehe ich, unterhalb der Schwelle der Gewaltanwendung, dabei dann sehr weit.
    2.) Wenn ich den Eindruck habe, dass eine ziemlich kleine Gruppe politisch motivierte Gewaltanwendung praktiziert und versucht auch in meinem Namen gut zu heißen, dabei meine Toleranz benutzt und mich zum „nützlichen Idioten“ macht. Und das nehme ich gerade wahr. Da ist die kleine Gruppe rund um namentlich sehr gut bekannte Persönlichkeiten, die in der Zeit eines Wahlkampfs, der für die Partei sehr wichtig ist, Aktionen durchführt und rechtfertigt, von denen ich mich im Wahlkampf nur um den Preis des Nicht-Wahlkampfs oder gar der Stimmabgabe für Konkurrenten distanzieren zu können glaube. Da steht jemand gar auf der Kandidatenliste und glaubt anscheinend in genau der Zeit Aktionen durchführen zu können, die in der Partei keine Mehrheit finden. Sie scheint sich darauf zu verlassen, dass eine Bezeichnung als „das war privat und nicht als Kandidatin“ ausreicht, Gremien der Partei dazu zu bringen, die eigentliche Verantwortung nicht wahrzunehmen und so ungeschoren davon zu kommen. Das sehe ich hier. Und weil ich keine Lust habe das alles noch ausführlicher zu schreiben bleibt mein Beitrag unvollständig und nur leicht begründet.
    Das Schlimmste für mich derzeit: ich schäme mich der Partei anzugehören. Ich ducke mich, wenn mich Freunde und Partner in professionellem Umfeld darauf ansprechen. Ich bin denen dankbar, die meine Mitgliedschaft kennen und mich derzeit nicht darauf ansprechen, selbst wenn wir dann statt über Politik über das Wetter sprechen. Und alles das ist für mich die Begründung für den Wunsch, dass ein Parteigericht die namentlich gut bekannten Personen aus der Partei wegen parteischädigendem Verhalten ausschließen möge. Und ganz klar: ich lasse mich von diesen Personen provozieren künftig bei jeder Wahl alle für unzählbar zu halten, die diese Personen politisch unterstützt haben ohne sich zu distanzieren. Denn Politik ist immer mindestens auch Personalpolitik.

  5. Pingback: Die haben doch einen an der Waffel! » @sebidotorg

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