Homöpathisches Popcorn

Ein paar Gedanken zu Julias Beitrag „Heilpraktiker verbieten?

tl;dr Piraten brechen ohne Not im Wahlkampf eine Diskussion über Berfusverbote los. Ich fass‘ es nicht.

Wenn sich Piraten über ein Berufsverbot Gedanken machen, lieber Piratos, dann ist das nicht nur traurig, sondern in allererster Linie erklärungsbedürftig. Denn vom Grundsatz her widerspricht ein Berufsverbot allen Werten, die Piraten teilen sollten, zuvörderst dem Respekt vor der Selbstbestimmung des Einzelnen, der ansonsten unser gesamtes Programm durchzieht (Grundrechte, Inklusion, Drogenpolitik, BGE,…). Doch genau diese Erklärung fehlt.

Und das entsetzt mich: Piraten diskutieren ohne evidenten Anlass über Berufsverbote. Glücklicherweise bekommen sie noch die Kurve und erinnern sich daran, dass wir Piraten das mit der Wahlfreiheit machen. Doch alleine das vom-Zaun-brechen einer solchen Diskussion ohne klar erkennbaren Anlass lässt mich daran zweifeln, ob ich hier richtig bin. Man kann sich mal vergaloppieren, schon klar. Aber warum muss man es dann noch breittreten? Ich kapier es nicht. Kein Wunder, dass potentielle Wähler wie Fee, Christian und Denkarium abgeschreckt werden. Und dies ohne Not, denn solche Gedanken sind sicher nicht die Gedanken der Partei.

Liebe Julia, Heilpraktiker sind also etwas für „überzeugte Gläubige.“ Sie machen „Hokuspokus“ und über sie muss man „aufklären“, um ihnen den „Nährboden zu entziehen.“ Geht es noch ideologischer, noch etwas pauschaler? Darf ich Dir noch mit ein paar zusätzlichen Schmähbegriffen aushelfen? Wenn mir mal der Sinn nach Pauschalitäten steht, dann besuche ich einen Drogenpolitiker der CDU. Bei den Piraten, das ist meine feste Überzeugung, haben sie nichts zu suchen.

Wenn Du nachvollziehbare Kritik an bestimmten Behandlungsverfahren bestimmter Heilpraktiker hast, dann benenne sie. Ich könnte mir gut vorstellen, dass mir diese Verfahren bekannt sind und noch ein paar mehr, und dass ich sie auch durchaus kritisieren und einordnen kann. Und deswegen muss ich auch nicht einen vielfältigen Berufsstand mit Schmähbegriffen pauschal verunglimpfen, sondern kann sachlich die Spreu vom Weizen trennen.

Michael fragte: Warum spricht man von Verboten? Wie bereits ausgeführt eine sinnvolle und gute Frage. Noch spannender fände ich aber: Was wissen wir denn konkret über die Qualifikation der Heilpraktiker? Nach welchen Standards wird die Heilpraktiker-Prüfung abgelegt? Wie sehen die schriftlichen Prüfungen aus, was wird in mündlichen Prüfungen gefragt? Wie einheitlich wird die Prüfungsordnung in der Praxis gehandhabt? Welche konkrete Kritik daran könnten wir darlegen? Wie hoch (in %) ist Anteil der schulmedizinischen* wissenschaftsmedizinischen Fragen am Prüfungsstoff? Wie ist die Durchfallquote? Was kritisieren die Heilpraktiker selbst an der Prüfungspraxis und der Ausbildungsordnung? (Protipp: Die letzte Frage ist eine Fangfrage. Warum?) Was wird gerade auf europäischer Ebene diskutiert? Ich kann diese Fragen beantworten. Können es auch die, die da über Berufverbote diskutiert haben?

„Wir als Piraten“ sollten uns erst einmal sachkundig machen. Wenn wir das sind, wenn wir wissen wie Heilpraktiker ausgebildet werden, wenn wir wissen welchen Regeln sie unterworfen sind und wenn wir wissen welche Tätigkeiten sie ausführen, dann können wir überlegen, ob und wo Verbesserungsbedarf besteht (Hint: es besteht welcher). Und dann können „wir als Piraten“ Vorschläge machen, wie solche Verbesserungen herbeigeführt werden können. Das wäre evidenzbasierte Politik. In der Zwischenzeit würde ich ganz arg darum bitten, nicht von „wir als Piraten“ zu reden, wenn Berufsverbote diskutiert werden.

P.S.: Die Pingbacks sind übrigens nicht besser, denn dort kann man sich offenbar kaum vorstellen, dass Heilpraktiker mehr machen, als Homöopathie. Oder man bemüht, in der eigenen Filterblase sicher vor der Realität, Pauschalitäten über „Heilpraktiker als Psychotherapeuten.“ Als ob es das gäbe! (Quizfrage: Warum gibt es das nicht?)

Entsetzte, aber dialogbereite Grüße, Dirk

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*) Danke an @elziodio für seinen Hinweis!

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6 Gedanken zu „Homöpathisches Popcorn

  1. Hallo Dirk,

    ich sehe einige Fragen, die du stellst, die ich dir sehr wohl beantworten kann. Warum hast du mich nicht angerufen? Dann hätte ich sie dir beantwortet.

    Sind wir nicht die mit den Fragen? Dürfen wir jetzt nicht einmal frei denken und abwägen? Wenn du mit unserem Entschluss einverstanden bist, worüber regst du dich dann auf? Ich habe lediglich begründet, warum wir nicht verbieten. Weil es unserer Haltung widerspricht. Ist das nicht gut?

    Ich kann nicht verstehen, wieso manche Leute so reflexhaft auf die Überschrift reagieren. Es wurde nicht der ganze Text gelesen und ich wurde dann gefragt warum wir denn sowas machen. Tut mir Leid, aber ich möchte mir keine Schere in den Kopf einsetzten lassen, aus Angst, die Menschen würden meinen Text nicht zu Ende lesen, oder die Wörter wie z.B. NICHT überlesen.

    Grüße,

    verwirrte Julitschka

    P.S: In dem Podcast mit Sebastian Bartoschek reden wir über Heilpraktiker für Psychotherapie.
    http://julitschka.de/2013/07/podcast-zu-heilpraktikern-fur-psychotherapie-sebastian-bartoschek/

    • Hi Julitschka,

      1. Der von Dir gepingbackte Blogpost auf gwup ist mit „Heilpraktiker als Psychotherapeuten“ überschrieben. Auf diese Überschrift bezog sich meine Kritik. Ich habe nicht nach einem Post bei Dir mit ähnlichem Inhalt gesucht und mich auch nicht darauf bezogen.

      2. Ja, wir sind die mit den Fragen. Aber: Ein bestimmtes Thema aufzubringen ist eine politische Aussage. Auch wenn man dazusagt „wir machen das nicht“. Vielleicht hast Du das nicht beabsichtigt, aber das Thema steht jetzt im Raum. Und nein, wenn man daran denkt, wie unvoreingenommene Leser einen Text auffassen könnten, dann ist das keine Schere im Kopf. Denn selbstverständlich wird Dein Blog auch als Aussage von Piraten verstanden, wie man an den Kommentaren erkennt. Möglicherweise hängt das auch am häufigen „wir“.

      3. Von dem Duktus („Hokuspokus“, „Nährboden“ und so) gegenüber einem ganzen Berufsstand möchte ich mich (als Pirat) deutlich abgrenzen.

      Und klar müssen wir mal sprechen.

      Lieben Gruß,
      Dirk

  2. auweia. dann lieber piraten verbieten zu verbieten.

    Kaiser-Friedrich Residenz – Langgasse 38-40 – 65183 Wiesbaden *Talk*: +49 172 68 930 21 – Mail: robert@stein-holzheim.de *Learn*: http://www.stein-holzheim.dehttp://www.hps-training.comhttp://www.REEVE-Training.de *Read*: http://www.innernet.dehttp://www.steinholzheim.wordpress.com *Listen*: *Promo Download (!) : THE PROMISE* http://soundcloud.com/superdrama *Watch SUPERDRAMA LIVE: * http://www.youtube.com/watch?v=ER62Mq2qzfc * **Connect*: http://www.xing.com/profile/Robert_SteinHolzheim

  3. Wir behaupten, wir hätten eine Demokratie, und das sollten die Piraten auch.
    Unter Demokratie verstehen wir, dass allen ein Maximum an Freiheit zugestanden wird.
    Freiheit heißt: solange ich niemandem PERSÖNLICH schade (bei eigenem Profit), darf ich machen, was ich will. Ich kann auf einem Bein in der Ecke schlafen. Ich kann mit meinem Leben so umgehen, wie ich möchte. Ich kann mir eigene Ziele setzen. Ich kann eigene Umsetzungsverfahren für diese Ziele haben. Ich kann meine eigene Meinung haben, die ich auch äußern kann.
    Freiheit heißt jedoch nicht: ich schreibe irgendjemandem als Vaterfigur vor, wie er / sie zu leben hat. Ich schreibe ihr / ihm somit auch nicht vor, wie mit der Gesundheit umgegangen wird, welche Art der Heilfürsorge betrieben wird, welche Medizin eingesetzt wird…
    Ein demokratischer Staat in diesem Sinne kann sich für soziale Ziele einsetzen. Aber auch für die gilt: es muss vielen nutzen, darf jedoch niemandem schaden (Hippokratischer Eid). Wenn das Geld für all diese Ziele nicht reicht, können die Bürger beschließen (vertreten durch die Politiker), dass nur eine Behandlungsrichtung finanziert wird. Das ist okay. Aber jede andere im gleichen Atemzug zu verbieten, übersteigt die Kompetenz aller Bürger.
    Denn nun wäre ein wesentlicher Grundsatz nicht mehr gewahrt: Das Interesse auch von Minderheiten in dieser Demokratie zu akzeptieren. Das ist einer unserer höchsten Rechtsgüter in dieser Republik. Insofern sollte ein solcher Gedanke eines Berufsverbotes (oder des Auslaufmodells a la Ausbildungsverbot) von vorne herein inakzeptabel sein; also nicht einmal Erwähnung finden.
    Vereine wie die GWUP sind an dem Interesse von Minderheiten NICHT interessiert. Sie sind ähnlich sämtlichen militanten Nikotin-, Alkohol- und Freiheitsgegnern dabei, diesen Grundsatz zu unterlaufen.
    Jede Reglementierung durch die Bürger (vertreten durch ihre gewählten Politiker, also auch durch die Piraten) ist sehr genau darauf zu überprüfen, ob sie gegen diesen Grundsatz verstoßen könnte.
    Wir sind schon sehr begrenzend, wenn wir Leute zum Hausarzt zwingen (obwohl der nur einer einzigen Therapierichtung = Schulmedizin anhängen darf, bei Interesse am Verdienst). Wir begrenzen ebenso, wenn wir das Rauchen irgendwo verbieten, wo andere nicht geschädigt werden. Wir haben in den USA erlebt, wohin Prohibition führt. Wir können dort auch sehen, wohin Glaubensgenossen es treiben, wenn sie gegen Abtreibung sind (Mord an den Behandlern). Wir verbieten Menschen, ohne Gurt im Auto zu fahren. Wir streben Helme auf Fahrrädern an. Wir haben uns bereits einen sehr vorschriften-intensiven Staat geschaffen. Wir sollten aufhören, derart mit unserer Freiheit zu verfahren, für die wir dereinst gekämpft haben.
    Niemand kann garantieren, dass eine „effizienzorientierte Medizin“ nach schulmedizinischem Muster tatsächlich auch im Sinne des Hippokratischen Eids arbeitet. Niemand kann garantieren, dass dies die einzige Methode ist (sie ist auch erst ein gutes Jahrhundert alt). Niemand kann garantieren, dass andere holistische Verfahren nicht viel besser sind (die sind schon bis zu 4.000 Jahre erfolgreich – wir leben noch).
    Damit hat niemand das Recht, solche Verfahren zu verbieten. Jede Reglementierung jedoch trägt genau dieses Risiko in sich. Wir alle sollten hippokratisch handeln (ohne davon ein rotes Gesicht zu bekommen).

    Demokratie im bundesdeutschen Sinne bedeutet:

    Gleichgültig, ob ein Verfahren effizienzorientiert ist oder nicht: ich habe die Freiheit, es zu nutzen – aber auch, sie abzulehnen.
    Gleichgültig, ob Antibiotika nützlich sind oder nicht, ich habe die Freiheit, sie zu schlucken – aber auch, sie abzulehnen.
    Gleichgültig, ob Impfung nützt oder schadet, ich habe die Freiheit, davon Gebrauch zu machen – aber auch, sie abzulehnen.
    Demokratie bedeutet auch das Ende dieses Glaubenskrieges. Schon die Absicht, irgendjemandem den Nährboden zu entziehen, widerspricht diesem demokratischen Grundsatz. Auch wenn dies von den „Piraten“ geäußert wird.

  4. Ohne erneut über Standpunkte zu verschiedenen (alternativmedizinischen) Behandlungsmethoden philosophieren zu wollen, möchte ich nur kurz anmerken, dass es auch sehr viele Ärzte gibt, die auf Patientenwunsch und auch aus eigener Überzeugung alternative Methoden anwenden. Das müsste denn ebenfalls in Frage gestellt werden, was aber einer Therapie-Diktatur gleichkäme, die in einem demokratischen Rechtsstaat, der auf der Mündigkeit der Bürger basiert, hoffentlich nicht ernsthaft diskutiert werden muss.

    Zur Heilpraktikerprüfung möchte ich noch anmerken, dass diese überhaupt keine naturheilkundlichen Verfahren beinhaltet, sondern ausschließlich(!) allgemein anerkanntes medizinisches Fachwissen aus Anatomie, Physiologie und Pathologie aller Organsysteme überprüft. In der mündlichen Prüfung wird in vielen Gesundheitsämtern zudem sehr viel Wert auf differenzialdiagnostische Kenntnisse und Fähigkeiten, sowie auf Gesetzeskunde und Hygienevorschriften gelegt. Wenn eine wichtige Differenzialdiagnose zu einem bestimmten Symptom übersehen wird, ist die Prüfung nicht bestanden, da die Gutachter dann nicht unterschreiben können, dass man keine Gefahr für die „Volksgesundheit“ ist. So ist derzeit die gängige Praxis. Auch hat das benötigte Wissen nicht mehr den Charakter eines „medizinischen Basiswissens“, sondern erfordert ein umfassendes Verständnis über die physiologischen Abläufe, die Pathogenese und detailliertes Wissen über eine Vielzahl von Krankheitsbildern.

    Welche Therapieformen der Heilpraktiker später anwendet, spielt in der Prüfung kaum eine Rolle. Doch auch hier gilt, dass der Heilpraktiker nur die Therapieformen anwenden darf, die er in Fortbildungen gelernt hat. Dies ergibt sich aus der Fortbildungspflicht, die in der Berufsordnung geregelt ist, und welche von allen mir bekannten Heilpraktikern überaus ernst genommen wird, was sicherlich auch der Grund dafür ist, dass dort sehr wenige „Kunstfehler“ und Unfälle passieren. Daher ist auch die Berufshaftpflichtversicherung im Vergleich zu der der Ärzte sehr günstig, was ja sehr vieles hinsichtlich der „Zwischenfälle“ aussagt. Eben dass fast keine passieren.

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